Drugchecking in Berlin: Bilanz, Finanzierung und Ausbaupläne

9 0

Seit drei Jahren können Menschen in Berlin ihre Substanzen legal, kostenlos und anonym auf Verunreinigungen und Wirkstoffgehalt prüfen lassen. Eine aktuelle Antwort des Senats auf eine parlamentarische Anfrage erlaubt eine nüchterne Zwischenbilanz: Wie viele Proben analysiert wurden, wie das Projekt finanziert ist und welche Ausbaupläne an der Haushaltslage hängen.

Das Berliner Drugchecking gehört zu den sichtbarsten Beispielen einer Drogenpolitik, die auf Schadensminimierung statt allein auf Verbote setzt. Nach dem Start im Juli 2023 liegt mit der Senatsantwort vom 22. Juni 2026 auf eine Anfrage des Abgeordneten Vasili Franco (Grüne) nun eine belastbare Datengrundlage für drei Projektjahre vor. Sie zeigt ein Angebot mit anhaltend hoher Nachfrage, messbaren gesundheitlichen Effekten und einem klaren Spannungsfeld zwischen dem gesundheitspolitischen Anspruch und den Grenzen des Landeshaushalts. Der folgende Überblick ordnet Bilanz, Finanzierung und Ausbaupläne ein. Stand der Angaben: Juli 2026.


Was Drugchecking in Berlin ist und wie es funktioniert

Beim Drugchecking geben konsumierende Personen einen kleinen Teil einer Substanz an einer der Beratungsstellen ab. Ein Labor analysiert die Probe auf Inhaltsstoffe, Wirkstoffgehalt und Verunreinigungen, anschließend erfolgt eine Rückmeldung im Rahmen einer sozialpädagogischen Beratung. Das Angebot ist legal, kostenlos, anonym und straffrei. Möglich wurde es durch eine Änderung des Betäubungsmittelrechts auf Bundesebene, die Substanzanalysen als Maßnahme der Gesundheitsprävention zulässt.

Getragen wird das Projekt von einer Trägergemeinschaft aus drei Beratungsstellen: Fixpunkt in der Lahnstraße 84 in Neukölln, Vista in der Muskauer Straße 24 in Kreuzberg und der Schwulenberatung in der Niebuhrstraße 59 bis 60 in Charlottenburg. Die chemische Analyse übernimmt das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin (GerMed). Ergebnisse zu Proben, deren Konsum mit besonderen Risiken einhergeht, werden als Warnungen auf der offiziellen Seite drugchecking.berlin veröffentlicht. In welchen Bezirken die Anlaufstellen liegen, zeigt der Überblick zu den Berliner Bezirken.


Die Bilanz nach drei Jahren: Proben, Warnungen und die Nutzenden

Seit dem Start im Juli 2023 bis Mai 2026 wurden insgesamt 5.310 Proben analysiert. Da das Projektjahr jeweils Ende Juni endet, liegen für das dritte Jahr zunächst nur elf Monate vor, weshalb der Vergleich mit den Vorjahren nur eingeschränkt möglich ist. Die Nachfrage bleibt hoch und übersteigt die Kapazität: Allein im dritten Projektjahr wurden an den drei Standorten 768 Abweisungen dokumentiert, weil das Angebot ausgelastet war.

Auffällig ist die Trefferquote der Analysen. Durchschnittlich 48,7 Prozent aller eingereichten Substanzen waren auffällig und führten zu einer Warnung, insgesamt 2.588 Warnungen über den gesamten Zeitraum. Unterschieden wird dabei zwischen hochdosierten Proben, Falschdeklarationen, Verunreinigungen und Kombinationen daraus. Zu den am häufigsten eingereichten Substanzen zählen Cathinone, MDMA, Kokain, Amphetamin-Derivate und Ketamin, wobei der Anteil der Cathinone zuletzt deutlich zunahm.

Aufschlussreich ist das Profil der Nutzenden. Das Durchschnittsalter liegt bei 34,9 Jahren, der Schwerpunkt bei den 18- bis 39-Jährigen. 71,5 Prozent der Nutzenden waren männlich, 24 Prozent weiblich und 4,5 Prozent divers. Besonders relevant aus Sicht der Suchthilfe: Rund 81 Prozent hatten zuvor keinen Kontakt zu Angeboten der Drogen- und Suchthilfe. Das Angebot erreicht damit eine Gruppe, die über bestehende Strukturen bislang kaum angesprochen wurde. Die Website verzeichnete im dritten Jahr 407.215 Aufrufe, die Unterseite mit den aktuellen Warnungen fast 200.000.

Die vom Senat in Auftrag gegebene Evaluation durch die Charité kommt zu einem positiven Befund: Analyseergebnisse und anschließende Beratung tragen den Angaben zufolge zu Konsumverzicht, Dosisreduktionen, einer erhöhten Risikowahrnehmung und einer stärkeren Reflexion des eigenen Konsumverhaltens bei. Als Hintergrund der gesundheitspolitischen Dringlichkeit nennt die Senatsantwort 300 drogenassoziierte Todesfälle in Berlin im Jahr 2025. Für das erste Halbjahr 2026 lagen der Polizei noch keine belastbaren Zahlen vor.


Die Finanzierung: gesichert, aber gedeckelt

Finanziert wird das Projekt aus dem Landeshaushalt über die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege. Der am 18. Dezember 2025 verabschiedete Doppelhaushalt 2026/2027 stellt für die Fortführung des Drugcheckings 288.000 Euro im Jahr 2026 und 295.000 Euro im Jahr 2027 bereit. Das Projekt ist damit über die laufende Haushaltsperiode abgesichert.

Zugleich bleibt die Ausstattung hinter dem zurück, was die Trägerseite für notwendig hält. Für den Doppelhaushalt hatte die Geschäftsführung der beteiligten Suchtberatung Vista eine Verdopplung der Mittel gefordert, um Kapazitäten und Zielgruppen zu erweitern. Angesichts der angespannten Haushaltslage kam es stattdessen zu einer, wie es die Gesundheitsstaatssekretärin Ellen Haußdörfer formulierte, Deckelung. Was gesundheitspolitisch gewollt sei, lasse sich fiskalisch nicht unbedingt sofort umsetzen; man wolle sich aber im Rahmen der Möglichkeiten für eine Fortführung und Ausweitung einsetzen.

Darin liegt der eigentliche Konflikt des Projekts. Befürworter verweisen auf die hohe Zahl an Abweisungen, die Warnfunktion vor gefährlichen Substanzen und die Tatsache, dass eine neue Zielgruppe erreicht wird, und werten das als Argument für einen Ausbau. Aus fiskalischer Sicht steht dem ein Landeshaushalt gegenüber, der in mehreren Bereichen Einsparungen vorsieht, was einen größeren Aufwuchs erschwert. Dass das Projekt auch nach dem Wechsel zu einer schwarz-roten Koalition fortgeführt wird, gilt Beobachtern bereits als Zeichen für eine gewisse überparteiliche Akzeptanz, während die Frage nach dem angemessenen Umfang politisch umstritten bleibt.


Die Ausbaupläne: Rechtsverordnung, Konsumräume und mobile Angebote

Ob und wie das Angebot wächst, macht der Senat ausdrücklich von der Zurverfügungstellung weiterer Haushaltsmittel abhängig. Ein weiterer Ausbau wird grundsätzlich für sinnvoll gehalten, konkrete Schritte hängen aber am Budget. Eine Ausweitung des Personals ist derzeit ebenso wenig möglich wie der Aufbau mobiler Anlaufstellen, beides scheitert laut Senatsantwort an den begrenzten Mitteln. Erprobt wird hingegen bereits im laufenden Jahr eine digitale Ergebnisrückmeldung, die Abläufe für Nutzende und Träger effizienter gestalten soll.

Der wichtigste geplante Schritt betrifft die rechtliche Grundlage. Die bisherige Kooperationsvereinbarung soll durch eine Rechtsverordnung abgelöst werden, die das Modellprojekt langfristig absichert und noch in dieser Legislaturperiode erlassen werden soll. Erst nach ihrem Inkrafttreten ist ein Drugchecking-Angebot in Berliner Drogenkonsumräumen möglich. Umgesetzt werden soll es mit Schnelltestgeräten, etwa Geräten der Fourier-Transform-Infrarot-Spektroskopie (FTIR), die Ergebnisse deutlich schneller liefern. Perspektivisch soll das Angebot stärker in bestehende niedrigschwellige Hilfestrukturen eingebunden werden, um besonders vulnerable Gruppen wie Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen besser zu erreichen.


Drugchecking Berlin auf einen Blick

Die folgende Übersicht bündelt die zentralen Kennzahlen aus der Senatsantwort. Die Daten zum Projekt haben den Stand 12. Juni 2026, die Angaben zu Todesfällen den Stand 8. Juni 2026. Stand der Zusammenstellung: Juli 2026.

Kennzahl Wert
Projektstart Juli 2023
Beratungsstellen Fixpunkt (Neukölln), Vista (Kreuzberg), Schwulenberatung (Charlottenburg)
Analysiertes Labor Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin (GerMed)
Proben gesamt (Juli 2023 bis Mai 2026) 5.310
Warnungen gesamt 2.588 (48,7 Prozent der Proben auffällig)
Abweisungen im dritten Jahr 768
Durchschnittsalter der Nutzenden 34,9 Jahre
Ohne vorherigen Kontakt zur Suchthilfe rund 81 Prozent
Haushaltsmittel 288.000 Euro (2026), 295.000 Euro (2027)
Drogenassoziierte Todesfälle in Berlin 2025 300

Häufige Fragen zum Drugchecking in Berlin

Ist Drugchecking in Berlin legal und kostenlos?

Ja. Das Angebot ist legal, kostenlos, anonym und straffrei. Möglich wurde es durch eine Änderung des Betäubungsmittelrechts auf Bundesebene, die Substanzanalysen zur Gesundheitsprävention zulässt.

Wo kann man in Berlin eine Probe abgeben?

An drei Beratungsstellen: Fixpunkt in Neukölln, Vista in Kreuzberg und der Schwulenberatung in Charlottenburg. Die Abgabe ist an eine Beratung gekoppelt, die Analyse übernimmt ein Landesinstitut.

Wie viele Proben wurden bisher analysiert?

Von Juli 2023 bis Mai 2026 wurden insgesamt 5.310 Proben analysiert. Durchschnittlich waren 48,7 Prozent auffällig, was zu insgesamt 2.588 veröffentlichten Warnungen führte.

Wie ist das Projekt finanziert?

Über den Landeshaushalt. Der Doppelhaushalt 2026/2027 stellt 288.000 Euro für 2026 und 295.000 Euro für 2027 bereit. Die Trägerseite hatte mehr gefordert, angesichts der Haushaltslage blieb es bei einer Deckelung.

Soll das Angebot ausgebaut werden?

Ein Ausbau wird grundsätzlich als sinnvoll bewertet, hängt aber von zusätzlichen Haushaltsmitteln ab. Geplant ist eine Rechtsverordnung, die Drugchecking in Drogenkonsumräumen per Schnelltestgeräten ermöglichen soll. Personelle und mobile Ausweitungen sind derzeit nicht vorgesehen.

Wo findet man aktuelle Warnungen?

Auf der offiziellen Website des Projekts unter drugchecking.berlin. Dort werden Analyseergebnisse zu Substanzen veröffentlicht, deren Konsum mit besonderen Risiken verbunden ist.


Drugchecking ist ein gesundheitspolitisches Instrument der Schadensminimierung und ein sensibles Thema. Dieser Beitrag informiert über den Stand des Berliner Projekts und ersetzt keine Beratung. Wer Unterstützung im Umgang mit Substanzkonsum sucht, findet über die genannten Beratungsstellen und die offizielle Projektseite weiterführende Hilfe; in akuten Notlagen ist der Notruf 112 die richtige Anlaufstelle.

Regional Magazin Berlin

Das Autorenteam von "Regional Magazin Berlin Südwest" besteht aus leidenschaftlichen Journalisten und lokalen Experten, die sich darauf spezialisiert haben, authentische und relevante Geschichten aus dem südwestlichen Berlin zu erzählen. Mit einem tiefen Verständnis für die Kultur, Geschichte und den Lebensstil der Region verbinden sie die Gemeinschaft mit informativen, inspirierenden und fesselnden Artikeln. Ihr Engagement für hervorragenden Journalismus und ihre Liebe zu Berlin Südwest machen sie zu einer unverzichtbaren Informationsquelle für Einheimische und Besucher gleichermaßen.

Related Post

Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert