20.10.2015 // Dr. Hans-Christian Jasch, Direktor des Hauses der Wannsee-Konferenz

Dr. Hans-Christian Jasch. Foto: Lorenz

Von frühester Jugend an widmet sich Hans-Christian Jasch der Geschichte des Nationalsozialismus mit seinen Tätern und Opfern. Als Schüler, während Studienzeit, Promotion und Auslandsaufenthalten, und jetzt als Direktor des „Haus der Wannsee-Konferenz“, setzt er sich mit deren Leben auseinander und erfüllt damit einen unverzichtbaren Bildungsauftrag, der über den Bezirk Steglitz-Zehlendorf weltweit hinaus reicht.

Spurensuche
Als der gebürtige Schöneberger Hans-Christian Jasch, der in Zehlendorf aufwächst, 1987 im Alter von 14 Jahren mit seiner Mutter in die Bezirks-Partnerstadt Sderot nach Israel reist, kommt er dort ins Gespräch mit Holocaust-Überlebenden.  Dieser und der im Jahr 1989 in den Vereinigten Staaten zu einer deutschstämmigen jüdischen Familie entstandene weitere Kontakt werden bestimmend für seine spätere Profession.

Geschichtsbewusst wendet er sich dem Thema der „Instrumentalisierung des Rechtes verschiedener Systeme“ zu, studiert Jura an der Humboldt-Universität zu Berlin und sammelt wissenschaftliche Erfahrungen als Praktikant bei der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Bewältigung des Apartheidunrechts in Südafrika. Mit dem Thema Enteignung und Rückübertragung setzt er sich in Simbabwe auseinander.

Als junger Freiwilliger arbeitet er bei der Aktion Sühnezeichen in Brüssel dem Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees zu und begleitet seit 1994 als freier Mitarbeiter die pädagogische Bildungsarbeit der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“. Der junge Akademiker setzt sich intensiv mit der Wannsee-Konferenz auseinander, zu der am 20. Januar 1942 Reinhard Heydrich in das Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD, die ehemalige Villa Marlier am Großen Wannsee, „zur Besprechung über die Endlösung der Judenfrage mit anschließendem Frühstück“ geladen hatte.

Hans-Christian Jasch geht dabei der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass juristisch gebildete Funktionseliten zu Handlangern der Vernichtung im "Dritten Reich" wurden, und setzte sich in seiner Dissertation mit dem Werdegang des „eigentlichen Innenministers“, des Nazi-Funktionärs und Wannsee-Konferenz-Teilnehmers Wilhelm Stuckart, auseinander.
 

„Haus der Wannsee-Konferenz“, ehemalige Villa Marlier. Foto: Lorenz

So kehrt Hans-Christian Jasch im Mai 2014 als Direktor der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ an seinen früheren Wirkungsort zurück und wird dafür vom Bundesministerium des Innern beurlaubt.

Angekommen
Inzwischen ist der Rechtshistoriker ganz angekommen in Wannsee. In seinem Arbeitszimmer mit Traumblick auf den Großen Wannsee erwarten ihn raumgreifende Aufgaben wie Organisation, Team-Gespräche, aber auch die Gedenkstätte betreffende Finanzierungsfragen. Unterstützt wird er dabei von 15 Mitarbeitern. „Daneben darf meine inhaltliche Arbeit aber nicht zu kurz kommen“, betont Dr. Jasch, der das Haus mit seiner eindringlichen Aussage dem Besucher noch intensiver näherbringen möchte. Dafür steht nicht zuletzt eine der bedeutendsten Bibliotheken Deutschlands zur Thematik des Jüdischen Lebens des Holocaust mit 55.000 intern nutzbaren Bänden und 11.000 Filmen.

Joseph Wulf Mediathek. Foto: Lorenz

Einen Schwerpunkt auf dem Weg dorthin sieht er in Bildungsangeboten für Gruppen, wobei er auf Erwachsenenbildung und Arbeitspädagogik im Bereich von Entscheidungs- und Verantwortungsträgern setzt, mit dem Auswärtigen Amt und dem Kammergericht zusammenarbeitet und immer wieder mit sichtlicher Begeisterung erstaunliche Sonderveranstaltungen und –Ausstellungen im Haus initiiert, so beispielsweise vor kurzem das Zeitzeugengespräch mit dem jüdischen Partisanen Enrico Loewenthal.

Für die zukünftige nachhaltige Arbeit der Gedenkstätte will Dr. Jasch sich verstärkt auf - zum Teil bereits bestehende – Kooperationen mit den umliegenden Institutionen wie der Liebermann Villa, der American Academy, dem Literarischen Colloquium, aber ebenso mit Potsdamer Einrichtungen wie dem Lepsius Haus konzentrieren und sich häufiger ins Stadtgeschehen einschalten.

Verstärkt tritt er mit nachvollziehbaren Bildungsprojekten an Schulen und Jugendliche heran; gerade erschien mit einem Nachwort von ihm „Die letzten Zeugen“, herausgegeben von Axel Springer und Reclam. In der auch für den Unterricht empfohlenen Dokumentation sind die Protokolle des letzten Auschwitz-Prozesses in Lüneburg um Oskar Gröning veröffentlicht (ISBN: 978-3-15-017088-5).

Foto: Lorenz

Geschichtsmeile Wannsee als touristischer Anziehungspunkt
Erfreulich nicht nur für Dr. Jasch, sondern auch für den Berliner Südwesten, der im Tourismusbereich einiges nachzuholen hat: Die Besucherzahlen des „Haus der Wannsee-Konferenz“ sind kontinuierlich steigend, im letzten Jahr zählte die Gedenk- und Bildungsstätte rund 115.000 Gäste aus dem In- und Ausland. Und in diesem Jahr waren es bis September bereits 100.000 – ein Zeichen dafür, dass Dr. Jasch und sein Team auf dem richtigen Weg sind. Einzel- und Gruppenbesucher machen je die Hälfte des Besucherstromes aus. Nebenstehendes Tortendiagramm zeigt die prozentuale Aufschlüsselung der internationalen Besuchergruppen.

Geplantes Seminargebäude. Foto: staab Architekten

Doch Erinnerungskultur benötigt Platz. Und so hofft Dr. Jasch auf den baldigen Baubeginn durch die BIM Berliner Immobilien Management GmbH für das geplante Seminargebäude mit rund 390 Quadratmetern Nutzfläche, um das Bildungsangebot erweitern zu können. Den hierzu durchgeführten Wettbewerb gewann der Entwurf des Büro Staab Architekten, die Baukosten übernehmen je zur Hälfte die Deutsche Klassenlotterie Berlin und der Bund.

Um für Einzelbesucher und Touristen den Standort „Haus der Wannsee-Konferenz“ künftig noch attraktiver zu machen, bedarf es zeit- und touristengemäßer Weiterentwicklung im Haus und in seinem Umfeld.

Gartenausstellung. Foto: Lorenz

„Der Bus der Rundlinie 114 müsste häufiger fahren, denn 18 Minuten und mehr Wartezeit sind für die Besucher der verschiedenen so sehenswerten Institutionen am Großen Wannsee unzumutbar und touristisch unfreundlich“, betont Dr. Jasch; er denkt dabei an die geschichtsträchtigen Kleinode, die sich entlang des Großen und Kleinen Wannsees erstrecken, und die zu entdecken, touristischer Höhepunkt jeder Berlin-Reise ist.  – Beispielsweise die Villenkolonie Alsen, die sich unter den Nationalsozialisten vom großzügigen Villenvorort nach Vertreibung der jüdischen Besitzer zum Rückzugsort und zur grausamen Schaltzentrale des NS-Regimes wandelte, oder das Strandbad Wannsee, das nicht nur gute Tage sah, Schwanenwerder, das Kleist-Grab am Kleinen Wannsee oder die Liebermann Villa in direkter Nachbarschaft zur ehemaligen Villa Marlier, die in ihrer wechselhaften Geschichte schließlich zur Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ wurde.

Ihre ebenso tragischen wie informativen Geschichten und die ihrer ehemaligen Besitzer erzählen hier viele Häuser, Villen und Institutionen, die auch in der Gartenausstellung der Gedenkstätte zu Wort kommen.

Blick von der Terrasse auf den Großen Wannsee. Foto: Lorenz

Als „Ideenbeschleuniger“ der Zukunftsregion Berlin SÜDWEST setzt das Regionalmanagement Berlin SÜDWEST (RMSW) auf die Entwicklung und Umsetzung eines attraktiven Tourismuskonzeptes mit unmittelbarer historischer und zeitgeschichtlicher Vergangenheit. Die „Geschichtsmeile Wannsee“ besitzt dafür ein hohes Tourismus-Potential und wird in die künftigen Überlegungen des RMSW noch stärker einbezogen. Sie bekannter und attraktiver zu machen, bedarf es zweifelsfrei so engagierter Köpfe wie Dr. Hans-Christian Jasch.




Text: Jacqueline Lorenz

Kontakt und weitere Informationen unter:

Haus der Wannsee-Konferenz
Gedenk- und Bildungsstätte
Am Großen Wannsee 56 - 58
14109 Berlin

Telefon: +49-30-80 50 01 0
Telefax: +49-30-80 50 01 27
eMail: info(at)ghwk.de

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