Von der BAM bis zum Titania-Palast

Foto: © RMSW
Foto: © RMSW

11. September 2020: Großes Interesse am Vortrag über bahnbrechende Errungenschaften aus dem Berliner Südwesten von Gabriele Schuster am 10. September 2020 im Rathaus Steglitz

Es gibt viele Wege sich dem Thema „Bahnbrechende Erfindungen & Errungenschaften aus dem Berliner Südwesten“ zu nähern. Gabriele Schuster, Vorstandsvorsitzende des Heimatvereins Steglitz e.V. und Leiterin des Steglitz-Museums wählte einen Weg, der drei Bereiche umfasste: Innovationen, bahnbrechende Erfindungen & ihre Entdecker sowie Medienkultur. In ihrem Vortrag am 10. September 2020 im Rathaus Steglitz sprach sie über das, was vor und nach 1920 in Steglitz-Zehlendorf erfunden und entdeckt wurde, welche Unternehmen, Einrichtungen und Personen dahinter stehen. Anlass für dieses Thema ist das diesjährige Jubiläum „100 Jahre Groß-Berlin“. Das Interesse an dem Vortrag war groß und alle Plätze trotz Corona-Regeln besetzt.

Im ersten Bereich Innovationen thematisierte Schuster die BAM und die Firma R. Fuess. Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) wurde 1871 als Mechanisch-Technische Versuchsanstalt und als erste königlich preußische Versuchsanstalt in Lichterfelde gegründet. „Ein Wegbereiter dazu war Adolf Martens, der von 1850 bis 1914 lebte“, so Schuster. „Er gilt als Vater der Materialforschung und -prüfung und begründete die Wissenschaft zur Werkstoffprüfung in Deutschland.“ Er war seit 1884 Direktor des Materialprüfungsamtes, das 1904 nach Dahlem verlegt wurde. Bis heute ist die BAM dort beheimatet. Die zweite Innovation im Berliner Südwesten war die Firma R. Fuess. 1891 zog Rudolf Fuess mit seiner optisch-mechanischen Werkstatt von Berlin-Mitte nach Steglitz. Dazu Schuster: „Fuess war international eine gefragte Adresse unter Wissenschaftlern und ein Pionier in der Präzisionsmechanik. Wissenschaftler wie Robert Koch, Wilhelm Foerster, Hermann Helmholtz, Richard Aßmann, Karl Heinrich Rosenbusch und viele andere waren seine Kunden.“ Er rüstete Polarforscher und Unternehmen beispielsweise mit Fernrohren, Mikroskopen, Entfernungsmessern, Thermometern, Barometern, Hygrometern u.a. aus. Neben Albert Einstein, Max Plank und weiteren führenden Wissenschaftlern war er bis zu seinem Tod 1917 Mitglied im Kuratorium der Physikalischen Technischen Reichsanstalt. Am 10. Dezember 1976 wurde die Firma R. Fuess im Handelsregister gelöscht.

Bahnbrechende Erfindungen & ihre Entdecker bildeten den zweiten Teil ihres Vortrages. Grundlagenforschung braucht unabhängige Institute. Gleich zwei solcher Institute wurden 1911 in Berlin-Dahlem gegründet: das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie und das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie, deren Träger die ebenfalls 1911 gegründete Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft e.V. (KWG) mit Sitz in Dahlem war. Mit dem Präsidenten der KWG Adolf von Harnack und den beiden Direktoren Ernst Beckmann und Fritz Haber eröffnete Kaiser Wilhelm II. am 23. Oktober 1912 die Institute. Bekannte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen forschten in den Instituten wie die Physikerin Lise Meitner (1887-1968), die „Pionierin der Strahlenphysik“ und der Physiker Otto Hahn (18878-1968, der „Vater der Kernchemie und Kernspaltung“. 1948 wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften umbenannt, deren erster Präsident Otto Hahn bis 1960 war.

29 namhafte Wissenschaftler der Grundlagenforschung lebten bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Berliner Südwesten, darunter 11 Nobelpreisträger wie der Physiker und Kristallograph Max von Laue (Physik-Nobelpreis 1914) und  Richard Willstädter (Chemie-Nobelpreis 1915). Die russisch-deutsche Mikrobiologin Lydia Rabinowitsch-Kemper (1871-1935 erhielt 1912 als zweite Frau in Preußen und als erste Frau in Berlin einen Professorentitel. Sie wies 1904 Tuberkelbazillen in Rohmilch nach. „Seither wird die Milch pasteurisiert“, so Schuster, „damit sich die Bazillen nicht auf den Menschen übertragen“. Mit ihrer Familie lebte Rabinowitsch-Kemper bis zu ihrem Tod 1935 in Lichterfelde. Ein Jahr vorher wurde sie als Leiterin des Bakteriologischen Instituts am Städtischen Krankenhaus Moabit wegen ihrer jüdischen Herkunft zwangspensioniert.

Im dritten Bereich ihres Vortrages widmete sich Schuster der Medienkultur. 1904 errichtete die „Deutsche Mutoskop- und Biograph GmbH“ in Lichterfelde das älteste deutsche Filmatelier, in dem rund 500 Filme entstanden. Unternehmer wie Carl Paul Goerz, Gründer der Optischen Anstalt C.P. Goerz und seinerzeit größter Hersteller von Präzisionsoptik, förderte das zu dieser Zeit modernste Filmatelier. 1928 wurde das traditionsreiche Kino Titania-Palast eingeweiht, in dem am 26. Mai 1945 die Berliner Philharmoniker ihr erstes Konzert nach dem Zweiten Weltkrieg gaben. Ab 1951 fanden hier die ersten Internationalen Filmfestspiele Berlins statt.

Mit einem hörbaren Staunen aus dem Publikum endete der Vortrag von Gabriele Schuster, als sie die Frage stellte: „Wussten Sie, dass sich die Fleurop-Zentrale in Lichterfelde befindet?“ 1908 gründete Max Hübner mit 98 Kollegen die „Blumenspenden-Vermittlungs-Vereinigung“, später bekannt als Fleurop AG, und verlegte seinen Firmensitz nach Steglitz. Heute kooperiert die Fleurop AG mit rund 5.000 bundesweit ansässigen Partnerfloristen und mit etwa 50.000 Partnerfloristen in 150 Ländern.

Mit ihrer Auswahl an Beispielen für bahnbrechende Erfindungen & Errungenschaften zeigte Gabriele Schuster, dass in Steglitz-Zehlendorf bedeutende Institutionen, Wissenschaftler und Unternehmer „das Wirtschaftsgefüge des Landes und darüber hinaus beeinflussten und Spitzenleistungen hervorbrachten“.

Der Vortrag fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe Berlin SÜDWEST 2020 „100 Jahre Berlin SÜDWEST: Innovationen aus Wirtschaft & Wissenschaft I 30 Jahre UNESCO Welterbe Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“. Mehr über das vom Regionalmanagement Berlin SÜDWEST und dem Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin initiierte Programm im Internet unter www.rm-berlin-sw.de.

 

Kontakt: Bärbel Petersen, Regionalmanagement Berlin SÜDWEST, Tel. 030/ 707 600 84                            mail: presse@rm-berlin-sw.de



Das „Regionalmanagement Berlin SÜDWEST“ (RMSW) ist im Rahmen des Wirtschaftsförderprogramms Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) je zur Hälfte aus Bundes- und Landesmitteln sowie einem entsprechenden Anteil des Bezirks Steglitz-Zehlendorf von Berlin finanziert.

Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie  Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung  Berlin Steglitz-Zehlendorf

Regionalmanagement Berlin SÜDWEST
Schloßstraße 48
Gutshaus Steglitz
12165 Berlin

T +49 (0)30-707 600 84
F +49 (0)30-707 600 26
info@rm-berlin-sw.de