Kein Verkauf ohne Balkon

Steglitzer Kreisel | © RMSW
Steglitzer Kreisel | © RMSW

17. Dezember 2019: Fast 120 Meter geht es nach oben, alle paar Meter beleuchten Neonröhren Wände aus nacktem Beton. Wer senkrecht nach oben in den Schacht guckt, muss seinen Schutzhelm festhalten – nur einer nicht: Bauherr Christoph Gröner ist barhäuptig in den Bau-Fahrstuhl im Inneren des Steglitzer Kreisels im Berliner Südwesten gestiegen. Auf der Fahrt zum Pressegespräch plauderte er aus der Investoren-Aktentasche: Bei Bauherren mache die Berufsgenossenschaft eine Ausnahme, „ich bin der einzige der keinen Helm tragen muss“.

Er genießt seine Gastgeber- und unbehelmte Sonderrolle sichtlich. Christoph Gröner ist ein Macher, er haucht dem Steglitzer Kreisel neues Leben ein – woran andere viele Jahre lang gescheitert sind. Er ist aber auch umstritten. Die Wohnungen im Turm sind teuer, er nennt den Berliner Mietendeckel eine „Investoren-Krise“. Zum steigenden nachhaltigen Bewusstsein in der Stadt sagt er: „Wir haben Grüne, die das Land bewahren wollen, und es gibt Öko-Faschisten.“ Auf Höhe des siebten Stocks – Sie merken schon, die Baustellenlifts fahren nicht schnell – erklärt er ironisch: „Mein Ziel ist es, peinlichster Berliner zu werden, das wäre mir bei der aktuellen Berliner Politik eine Ehre.“ Letztes Jahr habe er es nur auf Platz 34 geschafft.

In der Musterwohnung im 13. Stock berichtet Christoph Gröner begeistert und mitreißend von seinem Haus-Projekt. Und man erfährt Insiderwissen eines Bau- und Marketingprofis. Zum Beispiel seien die Balkone auch in den höchsten Stockwerken wichtig. „Wer können beweisen, dass es unmöglich ist, eine Wohnung ohne Balkon zu verkaufen.“ Allerdings dürfe man seinen liebgewonnenen alten Balkontisch vermutlich nicht aufstellen; laut Kaufvertrag müssen die zukünftigen Balkonmöbel der neuen Bewohner über „ein gewisses Gewicht“ verfügen – sonst könnte sie der Wind hoch oben über den Steglitzer Dächern wegtragen. Das sei aber kein Nachteil, so Gröner, nach seinem Wissen würden die meisten Wohnungsbesitzer ihren Balkon, der beim Kauf eine große Rolle spiele, sowieso nicht nutzen. Doch wer es tue, könne einen grandiosen Rundumblick bewundern. Weil die Balkone im neuen Wohnturm nach außen gestellt sind, also vor der Fassade liegen, habe man „aus jeder Wohnung einen Ausblick von nahezu 270 Grad“.

In alle Himmelsrichtungen kann man vom Dach des Kreisels gucken. Als es Christoph Gröner und meine Journalistenkolleginnen und -kollegen nach dem Pressetermin im 13. Stock wieder zum Ausgang ins Erdgeschoss zieht, fahre ich weitere 12 Stockwerke nach oben und erklimme die letzten Etagen zu Fuß. Kalter Wind weht auf dem Dach. Die Experten gegenüber auf dem Wetter-Wasserturm der Freien Universität auf dem Fichtenberg (Höhe 65 Meter) haben an diesem tristen Dezembertag 4 Grad über Null angekündigt. Doch in fast 120 Metern Höhe ist der Boden vereist, man muss aufpassen, nicht auszugleiten. Dominiert wird das Dach vom großen Drehkran – und von den Häusern, die vormals die Aufzugtechnik beherbergten (für die Liftanlage werden sie zukünftig nicht mehr benötigt). Sie werden zu zwei Luxus-Dachwohnungen umgebaut, so entstehen ein 28. und 29. Stock. Noch lässt nichts auf das spätere höchste Wohn-Wohlbefinden schließen; an die Technikruinen ist der blau-weiße Plastikkorpus einer „Dixi“-Toilette gelehnt. Es ist wohl das höchstgelegene – und windumtosteste – Klo der Stadt. In zwei Jahren wird es hier Dachterrassen geben.

 

Text: Boris Buchholz
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/steglitz-zehlendorf/intro/2019/12/12/106131/



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