Bilanz LIFE SCIENCE DAY 2017: Intelligente Spritzen für Diabetiker

Foto: Fauland, Montage RMSW
Foto: Fauland, Montage RMSW

Fachtagung über „Biologisches Anti-Aging“ am 8. September 2017 in der Charité Universitätsmedizin Berlin – Campus Benjamin Franklin

Beim diesjährigen LIFE SCIENCE DAY „Zukunft Altersmedizin“ stand das Thema „Biologisches Anti-Aging“ im Mittelpunkt. Über 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer informierten sich über Risikofaktoren von Organalterung und Alterskrankheiten und welche Präventionsstrategien möglich sind.  

Die Lebenserwartung hat erheblich zugenommen. „Bei Frauen beträgt sie im Durchschnitt 82 und bei Männern 78 Jahre. Mit jedem Jahr steigt die Lebenserwartung um 2,5 Monate“, sagte Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan, Direktorin der Charité-Klinik für Geriatrie und Altersmedizin an der Charité in ihrer Eröffnungsrede. „Das Altern ist durch Alterungsprozesse belastet. Wir wollen diese Prozesse anhalten, weil sie Krankheiten auslösen können. Deshalb freuen wir uns, dass so viele Gäste zum LIFE SCIENCE DAY gekommen sind.“

Für die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf Cerstin Richter-Kotowski ist der LIFE SCIENCE DAY die wichtigste Gesundheitsveranstaltung im Berliner Südwesten: „Gerade in unserem Bezirk leben viele ältere Menschen, die Älteste ist 110 Jahre alt. Im LIFE SCIENCE DAY sehe ich auch ein wichtiges Forum über die fortschreitende Digitalisierung im Gesundheitsbereich zu diskutieren. Deshalb freue ich mich, dass die Charité in unserem Bezirk auf dem Campus Benjamin Franklin den wichtigen Bereich `Medizin der zweiten Lebenshälfte´ praktiziert und erforscht.“

Dass dieses Thema im Berliner Südwesten verankert ist, geht auf Prof. Dr. Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité-Universitätsmedizin Berlin zurück. Bereits vor acht Jahren ist diese Idee entstanden. „Dank der Unterstützung der damaligen Berliner Politik haben wir den Bereich `Medizin der zweiten Lebenshälfte´ hier im Berliner Südwesten angesiedelt, was eine richtige Entscheidung war“, sagte Frei. „Die Freie Universität Berlin hat das sehr schnell verstanden und sofort ihr Programm DynAge mit der Charité initiiert. Ich wünsche mir, dass sich alle Bereiche auf unserem Campus wie Kardiologie, Nephrologie, Chirurgie u.a. mit altersbedingten Erkrankungen beschäftigen.“

„Neue schonende Behandlungsverfahren am Herzen bei hochbetagten Patienten“ stellte der Kardiologe PD Dr. David M. Leistner, Charité-Klinik für Kardiologie, vor. Je älter Menschen werden, umso höher ist das Risiko einer Herzerkrankung. Leistner erläuterte die Ergebnisse einer kardiologischen Studie, in der 13.000 vaskulär erkrankte Patienten minimal-invasiv mit Herzkathetern therapiert wurden. Je früher die Patienten einen Herzkatheter erhalten, desto geringer die Wahrscheinlichkeit am Herzen zu erkranken und je höher die Überlebenschancen. Früher seien solche Therapien bei über 80-Jährigen nicht relevant gewesen, aber heute, so Leistner „hat jeder ältere Patient einen Anspruch auf eine leitliniengerechte Therapie.“

In Deutschland gibt es ca. eine Million Patienten mit aktiven kardialen Implantaten. Jährlich werden ca. 110.000 Herzschrittmacher und ca. 44.000 Defibrillatoren implantiert. Um die Leistungsfähigkeit dieser Implantate mobil zu überwachen, setzt das Berliner Unternehmen Biotronik die Telekardiologie ein. Seit 20 Jahren und als einziges Unternehmen in Deutschland entwickeln sie elektronische Überwachungstechniken für den medizinischen Bereich (Telemonitoring).

Dr. Manfred Elff, Biotronik GmbH, belegte mit Zahlen, dass Telemonitoring zu weniger Krankenhausaufenthalten führt, schlimmere Erkrankungen signifikant reduziert sowie die Anzahl der Herzinsuffizienzpatienten verringert.

„Bezogen auf 1000 Patienten jährlich wurden 53 gerettet und 1600 Krankenhaustage eingespart“, so Elff. „Noch lehnen die gesetzlichen Krankenkassen eine Kostenübernahme ab, aber inzwischen empfehlen medizinische Fachgesellschaften das Telemonitoring.“

Inwieweit Sensorik und IT-Solutions für die Pflege einsetzbar sind, erläuterte PD Dr. Nils Lahmann, Charité AG Pflegeforschung. In den letzten Jahren haben sich Sensorik und IT- Bereiche hinsichtlich Energieeffizienz und Handhabbarkeit rasant weiterentwickelt. Mit Programmen wie „Mensch-Technik-Interaktion“ in Deutschland und „Horizon 2020“ in Europa wird diese Entwicklung unterstützt. „Wichtig ist“, so Landmann, „dass das Fachpersonal aus der Pflege und Medizin diese Entwicklungen nicht nur verfolgt, sondern mitgestaltet.“ Robert Stephan, escos automation GmbH, zeigte in seinem Vortrag „Sicheres und selbstbestimmtes Leben durch Sensorik“ anhand von Beispielen, dass Bewegungssensoren den Alltag älterer Menschen durchaus sicherer machen wie die automatische Herdabschaltung, Orientierungslichter und Sturzerkennung. Mit der Berliner GESOBAU AG wurde eine Musterwohnung im Märkischen Viertel mit Sensoren ausgestattet für Menschen ab 65 Jahre und Pflegestufe 1.

Der eHealth-Markt hat für Dr. Klaus Stöckemann, Peppermint VenturePartners GmbH, in der Gesundheitswirtschaft enorme Wachstumspotenziale, vor allem im Pharmabereich und in der Medizintechnik. „Digitale Lösungen werden uns künftig begleiten, wenn es um Sicherheit, Mobilität, Ernährung, Medikamenteneinnahme, Verhalten & Älterwerden und  chronische Erkrankungen geht“, prophezeite Stöckemann. „Aber es ist noch ein weiter Weg, bis diese eHealth-Angebote von den Krankenkassen finanziert werden.“

Eine konkrete eHealth-Anwendung für Diabetiker stellte Dr. Janko Schildt, Emperra GmbH, vor. Bis 2035 wird es weltweit 590 Millionen Diabetiker geben, die ihre Blutzuckerwerte in den Normalbereich selbst regulieren und dabei ihre Daten für den Arzt erfassen müssen. Mit drahtlos verbundenen Blutzuckermessgeräten inklusive intelligenter Spritze, dem Insulinpen, ist eine exakte Behandlung und Messung möglich. „Der Patient muss nichts aufschreiben. Die Daten werden vom Insulinpen erfasst, hochverschlüsselt gespeichert und dem Patienten und Arzt zugeleitet“, erklärte Schildt. „Damit lässt sich die Therapie optimal überwachen und richtig steuern, was auch zu Kosteneinsparungen führt.“ Die AOK Nordost und die IKK Berlin-Brandenburg lassen diese eHealth-Anwendung inzwischen bei ihren an Diabetis erkrankten Mitgliedern zu.   

Demenz, Cholesterin, Haut und Mobilität im Alter waren weitere Themen beim diesjährigen LIFE SCIENCE DAY. „Es gibt keine Altersdemenz. Demenz kann viele Ursachen haben“, sagte PD Dr. Oliver Peters, Charité-Klinik für Psychiatrie in seinem Vortrag „Demenzprävention: Was wirkt und was nicht?“. Als die häufigste Ursache der Demenz im Alter gilt die Alzheimererkrankung. Aber auch andere, sogenannte chronisch-neurodegenerative Erkrankungen verursachen einen fortschreitenden Verlust von geistigen und alltagspraktischen Fähigkeiten und damit verbunden den Bedarf an Pflege. „Viele Demenzformen sind symptomatisch behandel-, aber nicht heilbar“, so Peters. „Alzheimererkrankungen können in ihrem Fortschreiten weder dauerhaft aufgehalten noch rückgängig gemacht werden. Höchsten Nutzen versprechen primäre und sekundäre Prävention in sehr frühen Krankheitsstadien, idealerweise bevor klinische Symptome entstehen.“ Nach seiner Meinung scheint die Prävention degenerativer Demenz mit medikamentösen Ansätzen denkbar. Bei nichtdegenerativer Demenz sind präventive Maßnahmen besser möglich.

Zu den Risikofaktoren im Alter gehören auch erhöhte Cholesterinwerte. In seinem Vortrag „Blutfettwerte: je niedriger, desto besser?“ zeigte Dr. Adrian Rosada, Charité-Klinik für Geriatrie und Altersmedizin, dass es einen linearen Zusammenhang zwischen schlechten Cholesterinwerten und vaskulären Ereignissen (Herzinfarkt und Schlaganfall) gibt. Diese Werte zu  verbessern, sei keine Frage des Alters, so Rosada.

Prof. Dr. Ulrike Blume-Peytavi, Charité-Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit dem Thema „ Ästhetik, Hautkrankheit und Hautpflege im Alter“. Alter ist nicht Verlust von Schönheit, denn Schönheit kennt keine Altersgrenze, aber alte Haut spiegelt das Alter wider. Sie altert von innen und außen und wird dünner. Das führt im Alter zu erhöhten bakteriellen Infektionen, Hautverletzungen, trockener Haut bis hin zu weißem und schwarzem Hautkrebs. Die häufigste Erkrankung mit 80 Prozent ist zu trockene Haut. „Wir wissen noch zu wenig über altersbedingte Hauterkrankungen“, sagte Blume-Peytavi. Noch gibt es keine wissenschaftlich-signifikanten Studien. Zum ersten Mal hat die WHO in ihrem „Report on Aging and Health“ 2016 das Wort „Haut“ aufgenommen. Darüber freute sich Blume-Peytavi sehr und forderte, dass die Hautpflege auch zu den Pflegestandards gehören muss“.

Den LIFE SCIENCE DAY beendete Dr. Anett Reißhauer, Charité-Arbeitsbereich Physikalische Medizin und Rehabilitation, mit dem Thema „Mobilisierung im Krankenhaus für die Mobilität zu Hause“. Patienten verlieren nach einem Krankenhausaufenthalt Muskelmasse  – pro Woche 10 bis 20 Prozent, wobei die unteren Extremitäten stärker betroffen sind. Die eingeschränkte Mobilität führt zu Kraft- und Ausdauerverlusten, Nachlassen der Muskelspannung und damit zu verkürzten Muskelfasern. Die Folge ist erhöhte Sturzgefahr. Das Risiko bei älteren Patienten durch die eingeschränkte Mobilität nach einem Krankenhausaufenthalt zu sterben, ist deutlich höher. „Deshalb haben mobilisierenden Therapien im Krankenhaus einen hohen Stellenwert“, so Reißhauer. Sie stellte den in ihrem Bereich neu entwickelten CHARMI (Charité Mobilitäts Index) vor. Er dient zum Bestimmen der Mobilität im Krankenhaus. Daraus wird der Bedarf an mobilisierender Therapie abgeleitet. „Dank CHARMI kamen wir 2016 in der Charité auf über 1,1 Millionen Therapieminuten.“  

Die jährliche Fachtagung LIFE SCIENCE DAY stellt eine wichtige Präsentations- und Diskussionsplattform für Unternehmen und Dienstleister der Gesundheitswirtschaft, der Gesundheitsforschung sowie Kostenträger und Kliniken der Region Berlin-Brandenburg dar. Schirmherr des diesjährigen LIFE SCIENCE DAY 2017 ist die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie e. V. Initiiert wurde der LIFE SCIENCE DAY 2011 vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf. Seit 2013 kooperiert der Bezirk mit dem Regionalmanagement Berlin SÜDWEST. Weitere Kooperationspartner sind Charité - Universitätsmedizin Berlin, Freie Universität Berlin, Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH und Wirtschaftsförderung Land Brandenburg GmbH (WFBB).

Der LIFE SCIENCE DAY soll im nächsten Jahr fortgesetzt werden, „um dem Alter auf der Spur zu bleiben“, so Cerstin Richter-Kotowski.

Tagungsband und Bilder 2017 demnächst unter www.lifescienceday.de

 

Kontakt: Bärbel Petersen, Regionalmanagement Berlin SÜDWEST, Tel. 030 / 707 600 84                      Mail: presse@rm-berlin-sw.de www.rm-berlin-sw.de



Das „Regionalmanagement Berlin SÜDWEST“ (RMSW) ist im Rahmen des Wirtschaftsförderprogramms Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) je zur Hälfte aus Bundes- und Landesmitteln sowie einem entsprechenden Anteil des Bezirks Steglitz-Zehlendorf von Berlin finanziert.

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