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Prof. Dr. Peter Seeberger, Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung Potsdam

Prof. Dr. Peter H. Seeberger. Foto: © Ulrich Kleiner. Quelle: www.healthcapital.de
Prof. Dr. Peter H. Seeberger. Foto: © Ulrich Kleiner. Quelle: www.healthcapital.de

16.05.2017: Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler und Chemiker Prof. Dr. Peter Seeberger zählt weltweit zum wichtigsten Personenkreis auf dem Gebiet der Medikamentenentwicklung. Aus seiner fundierten interdisziplinären Grundlagenforschung, die ihn auf spannendem Weg von Erlangen-Nürnberg über die USA und die Schweiz schließlich nach Potsdam-Golm und Berlin-Dahlem führte, entstanden am Max-Planck-Institut Potsdam innovative Methoden zur Synthese von Zuckerketten für künftige Impfansätze mit Kohlenhydrat-Impfstoffen.

Professor Seeberger lehrt an der Freien Universität Berlin und an der Universität Potsdam Chemie. Mehrere Firmengründungen in den USA und Deutschland gehen auf ihn zurück. Dazu zählt die in Potsdam-Golm angesiedelte ArtemiFlow GmbH für die Produktion von Artemisinin-Derivaten (gegen Malaria) ebenso wie die in Berlin-Adlershof vertretene Forschungseinrichtung des deutsch-schweizerischen von ihm und der Max-Planck-Gesellschaft ausgegründeten Start-up-Unternehmens, der Vaxxilon AG mit Firmensitz in Reinach (bei Basel, Schweiz). Ziel der Gesellschaft ist die Entwicklung einer neuen Generation intelligenter Impfstoffen, den synthetischen Impfstoffen. Als Gründungsmitglied des Stiftungsrats der Tesfa-Ilg Stiftung "Hoffnung für Afrika" setzt sich der herausragende Biochemiker für eine verbesserte Gesundheitsvorsorge in Afrika ein.

Prof. Dr. Seeberger und seine Auszeichnungen. Foto: Lorenz
Prof. Dr. Seeberger und seine Auszeichnungen. Foto: Lorenz

Der Weg…
Die Wand im Potsdamer Büro von Prof. Seeberger spricht für sich und seine jahrzehntelangen Erfolge als Chemiker: Zahlreiche Auszeichnungen, darunter über 25 internationale Forschungspreise, von der American Chemical Society bis zum Winner „Science Start-up off the Year 2016“, darunter auch der bedeutende  Preis der Körber-Stiftung aus dem Jahr 2007, zeugen von seinen bahnbrechenden Forschungsergebnissen.  Er ist u.a. Träger der Havinga Medaille und wurde 2007 und 2008 unter die „100 wichtigsten Schweizer“ gewählt.

Den Weg zu diesen Erfolgen bereitete vor rund 25 Jahren Peter Seebergers Chemie-Lehrer in Franken, der die chemischen Grundlagen spannend zu vermitteln und wissenschaftliche Neugier zu wecken wusste,  u.a. durch seinen Satz: „Mithilfe der Chemie könnt ihr neue Moleküle und damit etwas ganz Neues schaffen.“ Später wird Prof. Seeberger, der Wissenschaftler, sagen: „Die Chemie ist wichtig, um Moleküle nachzubilden. Mithilfe der Chemie lernen wir biologische Prozesse verstehen.“

Auf dem Weg dorthin studierte Peter Seeberger nach dem Abitur in Erlangen sechs Semester Chemie. Der Empfehlung einer Assistentin, sich auf ein Stipendium in den USA zu bewerben, kam er nach und so frühzeitig an die University of Colorado zum Biochemie-Studium. Nach fünf Jahren promovierte er, arbeitete am renommierten Krebskrankenhaus in New York City. Sein Gebiet: Zucker. 1998 wird Seeberger Assistant Professor und 2002 Firmenich Associate Professor of Chemistry am MIT in Cambridge, USA, schlägt dafür eine Habilitation in Mainz aus. Seine ersten Firmen gründet er in dieser Zeit, die sich neuen kosten- und zeitsparenden Techniken in der Zuckersynthese durch neu entwickelte Mikroreaktoren und der Totalsynthese biologisch aktiver Verbindungen zur Entwicklung von Impfstoffen widmen. Einer seiner ersten Reaktoren steht heute im Deutschen Technikmuseum in Berlin.Die nächste Station auf dem Erfolgsweg Peter Seebergers war die Schweiz: Sechs Jahre, bis 2008, arbeitete er dort als Professor an der ETH Zürich.

Max-Planck-Bau: Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung Potsdam-Golm. Foto: Göran Gnaudschun
Max-Planck-Bau: Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung Potsdam-Golm. Foto: Göran Gnaudschun

Nach der Verleihung des Körber-Preises im Jahr 2007 kam Seeberger dem verlockenden Angebot der Max-Planck-Gesellschaft nach und ist seit 2009 Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung auf dem neuen Wissenschaftscampus Potsdam-Golm, dem größten im Land Brandenburg.

Zugleich lehrt er als Professor für Biochemie sowohl an der Freien Universität Berlin als auch an der Universität Potsdam. Er ist wissenschaftlicher Berater mehrerer Firmen, Herausgeber des Beilstein Journal of Organic Chemistry und im Beirat vieler weiterer wissenschaftlicher Journale.

Vier Bücher, ungefähr 500 Fachartikel und über 850 Vorträge sind ein wichtiger Teil seiner Arbeit und er betont: „Alles, was ich gemacht habe, geschah aus wissenschaftlichem Interesse. – Die Anwendung kam später.“

Mithilfe intelligenter Reaktoren gelingt zeit- und kostensparende Zuckersynthese und Photochemie. Foto: Lorenz
Mithilfe intelligenter Reaktoren gelingt zeit- und kostensparende Zuckersynthese und Photochemie. Foto: Lorenz

… zu synthetischen Impfstoffen
Aufenthalte in Afrika und speziell Äthiopien, Krankheiten wie HIV und Malaria, und das damit verbundene Leid der ärmsten Bevölkerungsschichten vor Augen haben  viel dazu beigetragen, dass Prof. Seeberger aus seiner Forschung im Bereich der Zuckersynthese in Richtung Herstellung synthetischer Impfstoffe aufgebrochen ist. Pro Jahr sterben immer noch viele Millionen Menschen an Infektionskrankheiten. Neben Malaria, Tuberkulose und Hirnhautentzündung, bedrohen Krankenhauskeime, Pneumokokken und mögliche Biowaffen wie Milzbrand das Leben.

Das Immunsystem erfolgreich dagegen zu präparieren, daran forschen sie hart in den Laboren des Potsdamer Max-Planck-Instituts:  Prof. Seeberger und sein 70–köpfiges Team, das in sieben Arbeitsgruppen Spitzenkräfte aus 20 Nationen - u.a. aus den Bereichen Biochemie, Biologie, und Medizin - beschäftigt. Dass diese Mitarbeiter auch nach ihrer fünfjährigen Institutanstellung vom „Talentschuppen Max-Planck-Institut“ in eine aussichtsreiche berufliche Zukunft blicken,  beweisen die etwa 50 Professoren, die während der letzten 19 Jahre aus dem Seeberger Labor hervorgegangen sind. Wie ein Trainer sieht Seeberger seine Aufgabe darin, die besten jungen Leute im Zusammenspiel auf den Platz zu bekommen und ihnen spannende Themen vorzusetzen. Gemeinsam geht es dann an die Problemlösung. Er erklärt, was man angesichts seiner Auszeichnungen dann doch nicht so recht glauben mag: „Ich weiß von wenigen Sachen wenig.“

Verbreitung der Malaria. Foto: S. Jähnichen. Quelle: de.wikipedia.org
Verbreitung der Malaria. Foto: S. Jähnichen. Quelle: de.wikipedia.org

The Future is now…
Eine neue Generation intelligenter Impfstoffe aus Zucker „Made at MPI“ steht kurz vor dem klinischen Studien-Beginn: Die Senkung ihrer Temperatur-Empfindlichkeit und ihres Preises ist eine angenehme „Nebenwirkung“ dieser Impfstoffe, die damit auch für ärmere Länder erschwinglich werden. Gerade in heißen Ländern in Afrika und Asien verursacht die Kühlkette herkömmlicher Impfstoffe, die an leicht veränderliche Proteine gekoppelt sind, hohe Kosten. Seeberger und seinem Team ist es gelungen, anstelle der Proteine Fette einzusetzen. Zuckermoleküle spielen bei Infektionen eine wichtige Rolle, da sie die Außenhülle des krankmachenden Erregers besetzen. Indem das menschliche Immunsystem diese Verbindungen in Form eines Impfstoffes erhält, kann es Abwehrmoleküle bilden, die den Erreger abtöten.

Synthetische Zuckerherstellung, die Bildung passgenauer langer Glykan-Molekülketten, war bisher langwierig und dadurch kostenintensiv. Prof. Seeberger ist es als weltweit erstem Wissenschaftler gelungen, mithilfe eines eigens dazu entwickelten Reaktors diese Langketten-Zucker zeit- und damit kostensparend herzustellen, die außerdem hitzeunempfindlicher und getrocknet versandfähig sind. So könnten mit etwa 4,5 Kilo Zucker 65 Millionen Kinder gegen Bakterien geimpft werden. Die Aufgabe der synthetischen Impfstoffherstellung hat die Vaxxilon AG übernommen.

Die ArtemiFlow GmbH hat sich indessen der industriellen Umsetzung von Artemisininderivaten verschrieben, wozu derzeit eine Produktionsanlage geplant wird. Artemisinin wurde bisher direkt aus dem einjährigen Beifuß als entscheidender Stoff gegen den Malariaparasiten gewonnen. Doch die Gewinnung ist kostspielig und langwierig.

Prof. Seeberger ist es gelungen, die ebenfalls von der Pflanze produzierte Dehydroartemisininsäure mithilfe der Photochemie in Artemisinin umzuwandeln: Unter Lichteinfluss, der über dünne Schläuche des dazu entwickelten Reaktors alle Moleküle erreicht. „Das ist eher zufällig über die Grundlagenforschung gelungen, als wir herausfinden wollten, wie Singulett-Sauerstoff vereinfacht hergestellt werden kann.“ Das Team arbeitet nun an einer Erhöhung der Artemisinsin-Ausbeute aus der Beifuß-Pflanze. Außerdem sichert ihr Anbau als Rohstofflieferant in Vietnam die Existenz vieler Bauern. Vietnam will im Gegenzug den Afrikanern bei der wirksamen und preisgünstigeren Malariabekämpfung helfen.

Nachhaltige Afrika-Unterstützung leistet Prof. Seeberger auch mit der Stiftung „Hoffnung für Afrika“ und mit Projekten, die jungen Afrikanern beispielsweise Businessplan und Gründungsgedanken näherbringen und sie lehren, „mit wenig Personal etwas zu schaffen, bzw. selbst etwas zu erreichen.“


… and tomorrow im „Dahlem des 21. Jahrhunderts“
Prof. Seeberger ist mit seinen Laboren und Unternehmen im Potsdamer Wissenschaftspark Golm, den er als „Dahlem des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet, angekommen. Gleichfalls ist er Berlin-Adlershof und Berlin-Dahlem, dem „Oxford des 20. Jahrhunderts“ eng verbunden. So trägt er viel zu einer befruchtenden Symbiose der drei Wissenschaftsstandorte bei. Absehbar bleibt, dass er in naher Zukunft weitere Labor- und Produktionsflächen benötigt. Die könnte er im geplanten GO-IN II-Erweiterungsbau auf dem Campus in Golm ebenso finden wie im Berliner Südwesten. Mit dem FUBIC und der wirtschaftlichen Ertüchtigung der Goerzallee bietet der Zukunftsort Berlin SÜDWEST beste Aussichten dafür, zumal die Freie Universität Berlin sowie namhafte Wissenschaftsinstitutionen in direkter Nähe und gut erreichbar für den in Kleinmachnow lebenden Wissenschaftler sind.  Seeberger erklärt: „Leben und Forschen im Südwesten, fantastisch!“, zugleich wünscht er sich noch eine größere Industrieansiedlung vor Ort und junge Leute, die in der Lage sind, kleinere Unternehmen wirtschaftlich geschickt zu leiten, - wie man sie häufiger in den USA findet.

Mit dem Ziel, die Chemie zu automatisieren, um die Impfstoff-Produktion sicherer und preisgünstiger gestalten zu können und dies in die Gesellschaft zu kommunizieren, arbeitet und forscht Peter Seeberger inzwischen weiter Richtung Impfstoff-Marktreife, nach dem Motto des großen englischen Naturforschers Michael Faraday: „Work, finish, publish!“.

Denkmal für Emil Fischer, Nachbildung von Richard Scheibe, Garystraße 32-34, Berlin-Dahlem Künstler: Original von Fritz Klimsch. Foto: Axel Mauruszat. Quelle: de.wikipedia.org
Denkmal für Emil Fischer, Nachbildung von Richard Scheibe, Garystraße 32-34, Berlin-Dahlem Künstler: Original von Fritz Klimsch. Foto: Axel Mauruszat. Quelle: de.wikipedia.org
Emil Fischer und Prof. Dr. Seeberger: Zuckerchemiker von gestern und heute. Foto: Max-Planck-Institut/Peter H. Seeberger, Quelle: mehr-zukunft.info
Emil Fischer und Prof. Dr. Seeberger: Zuckerchemiker von gestern und heute. Foto: Max-Planck-Institut/Peter H. Seeberger, Quelle: mehr-zukunft.info

Dabei behält er stets als sein weiteres Vorbild den deutschen Chemiker Emil Fischer vor Augen, der für seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Zuckerchemie 1902 den Nobelpreis für Chemie erhielt. - Und es scheint, als nicke dieser vor dem Archiv der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin-Dahlem vom steinernen Sockel aus Prof. Peter Seeberger anerkennend und anspornend zu…


Text: Jacqueline Lorenz

Kontakt und weitere Informationen unter:

Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung
Wissenschaftspark Potsdam-Golm
Am Mühlenberg 1 OT Golm
14476 Potsdam

Tel.: +49 (331) 567-9300
E-Mail: peter.seeberger(at)mpikg.mpg.de

www.mpikg.mpg.de



Das „Regionalmanagement Berlin SÜDWEST“ (RMSW) ist im Rahmen des Wirtschaftsförderprogramms Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) je zur Hälfte aus Bundes- und Landesmitteln sowie einem entsprechenden Anteil des Bezirks Steglitz-Zehlendorf von Berlin finanziert.

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